Nach einem intensiven Vorbereitungsjahr findet zum vierten Mal das Tanzfestival TanzPlan Ost von August bis November statt. An sieben Wochenenden, auf diversen Bühnen und in Räumen der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein, erwartet das Publikum ein vielfältiges und inhaltlich spannendes Festivalprogramm. Zu sehen sind Stücke von jungen und aufstrebenden bis hin zu international etablierten Choreografinnen und Choreografen. Mit ihren Körpern und (Bewegungs-)Sprachen entwerfen sie kompromisslos eigene Sichtweisen auf die heutige Welt und fordern oftmals mit Radikalität neue Ausdrucksformen.

Unter der neuen künstlerischen Leitung der in Zürich lebenden Choreografin Simone Truong treibt TanzPlan Ost künstlerische Entwicklungen, Austausch und Vernetzung der freien Tanzszene in der Ostschweiz und dem Fürstentum Liechtenstein weiter voran. So setzt das Festival neue Impulse und leistet einmal mehr einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung des Tanzes in der Region Ostschweiz und Liechtenstein.

Der inhaltliche Rahmen des diesjährigen Festivals verfestigte sich anhand der eingereichten Projekte der offenen Ausschreibung. Das Festival geht insbesondere der Frage nach, was wir heute als lokal oder regional erachten und wie daran Identität bemessen werden kann oder soll. Es gilt im Weiteren – gerade bei einem geographisch begrenzten Festival wie TanzPlan Ost – auch aus einer künstlerischen Perspektive darüber nachzudenken, was als regional oder eben lokal eingestuft werden kann. Macht es Sinn, angesichts der heutigen Ausbildungs- und Produktionspraktiken im zeitgenössischen Tanz von Lokalität zu reden? Wann genau ist man erfolgreich? Wenn man mehr lokal als global agiert oder umgekehrt? Ist die Arbeit im "Kleinen" nicht mit mehr Ausdauer verbunden als das ständige Reisen und damit mit der Unverbindlichkeit kurzen sozialen Austauschs an vielen Spielorten? Was bedeutet es, sich explizit fürs Lokale zu entscheiden, sich dort zu engagieren, wo man sich niedergelassen hat?

Die Schriftstellerin und Fotografin Taiye Selasi, die sich mit der eigenen afrikanischen Herkunft in ihrer Heimatstadt London auseinandersetzt, schlägt ein anderes Verständnis des Lokalen vor. Sie schreibt: „Fragt nicht, woher ich bin, fragt, wo ich lokal bin. [...] Weil jede Erfahrung lokal ist und jede Identität aus Erfahrungen besteht. Wir sind alle multi-lokal.“ (Ted Talk, Oktober 2014). Diese Textstelle bildet für die künstlerische Leiterin Simone Truong, selbst Tochter einer vietnamesischen-chinesischen Einwandererfamilie und mit akzentfreiem Solothurner Dialekt, einen wichtigen Ausgangspunkt für die inhaltliche Programmation. In einer digitalisierten und globalisierten Welt erscheint der Rückzug auf ein geographisches Gebiet als Merkmal der Herkunft antiquiert.

Selasi definiert lokale Erfahrung im Weiteren mit den drei R’s: Rituals, Relationship, Restriction. Diejenigen Rituale, die an unterschiedlichen Orten vollzogen werden, die Beziehungen, die einen prägen und die Einschränkungen, die einem einen Rahmen setzen, in dem man agiert. Diese Überlegungen wurden ins Konzept von TanzPlan Ost übertragen und weitergedacht. So wurden ausgewählte Choreografinnen und Choreografen ein halbes Jahr vor Festivalbeginn für eine Woche in den Thurgau eingeladen, um gemeinsam ein Vermittlungsprogramm auszuarbeiten. TanzPlan Ost bestärkt mit diesem Schritt, nebst der tieferen Vernetzung und dem Austausch der Kunstschaffenden, den zeitgenössischen Tanz näher ans Publikum heranzurücken. Entstanden aus der Arbeitswoche im Thurgau sind Formate, welche das Thema Lokal mittels den drei grundlegenden Aktionen Gehen, Tauschen und Reden verhandeln. Oberstes Ziel ist es, neue und ungewöhnliche Begegnungen zu provozieren, die intellektuell herausfordern und körperliche Erfahrungen produzieren.

Das vorliegende Programm umkreist in verschiedenster Art und Weise die aufgeführten Fragen und Feststellungen. Die gezeigten Stücke geben allenfalls Antworten und eröffnen ungewöhnliche Sichtweisen, um Verkrampfungen der eigenen Identität mit neuen Ideen anzureichern und Spannungen herauszumassieren. So wird der Begriff des Lokalen erweitert, um die Komplexität unserer Gegenwart greifbarer zu machen. Die Anerkennung dieser Komplexität und Diversität soll jedoch nicht trennend wirken, sondern ein Gefühl von Gemeinschaft stiften. So will TanzPlan Ost explizit Brücken zwischen Auftretenden und dem Publikum schlagen, auch aus der Überzeugung, dass Solidarität nicht eine Frage der Worte ist, sondern des Einsatzes und der Taten.